Gestern war es endlich so weit. Der seit Langem erwartete neue Berufsauftrag für die Volksschule wurde im Kantonsrat beraten und knapp angenommen.
Die Diskussion um den neuen Berufsauftrag für Lehrpersonen zeigt eines sehr deutlich: Die Überlastung der Lehrpersonen ist politisch mittlerweile anerkannt. Das ist ein Fortschritt. Die externe Evaluation des neu definierten Berufsauftrags bestätigt, was Lehrpersonen seit Jahren sagen: Sie leisten beträchtliche, nicht entschädigte Überzeit, insbesondere in der Klassenführung, der Zusammenarbeit und in administrativen Bereichen.
Der Regierungsrat reagiert darauf mit Anpassungen: Die Pauschale für Klassenlehrpersonen soll schrittweise von 100 auf bis 160 Stunden erhöht werden, die Tätigkeitsbereiche werden zusammengelegt und die obligatorische Zeiterfassung abgeschafft. Das sind sinnvolle Schritte, die administrativ entlasten und den Schulalltag vereinfachen.
Gleichzeitig bleibt der Reformwille begrenzt. Die Erhöhung des minimalen Beschäftigungsgrads von 35 auf 40 Prozent soll helfen, den Lehrpersonenmangel abzufedern. Aus sozialdemokratischer Sicht greift dieser Ansatz jedoch zu kurz. Die Evaluation zeigt nicht ein Zuwenig an Arbeitszeit, sondern eine strukturelle Überlastung im bestehenden System. Wer unter diesen Bedingungen höhere Pensen fordert, verschiebt das Problem – löst es aber nicht.
Besonders deutlich wird das beim Lektionenfaktor. Eine spürbare Erhöhung hätte für alle Lehrpersonen mehr Zeit pro Unterrichtseinheit bedeutet – also echte Entlastung im Kerngeschäft. Genau hier setzte die SP an und beantragte einen Lektionenfaktor von 62 Stunden. Dieser Vorschlag fand jedoch keine Mehrheit. Stattdessen einigte sich die Kommission auf einen Kompromiss von 59 Lektionen, der finanzpolitisch verkraftbar ist, pädagogisch aber hinter den Möglichkeiten zurückbleibt.
Auch bei der Lehrpersonalverordnung zeigte sich diese Zurückhaltung. Wir von der SP unterstützten gemeinsam mit der EVP und den Grünen zusätzliche Ressourcen für die Schulleitungen und die Berufseinführung von Lehrpersonen. Beides hätte gezielt entlastet und zur Verweildauer im Beruf beigetragen. Die Mehrheit lehnte dies aus Kostengründen ab.
Fazit: Die Richtung stimmt – aber das Resultat noch nicht. Gute Arbeitsbedingungen kosten Geld. Doch sie kosten weniger als der Lehrpersonenmangel. Wer Bildungsqualität sichern will, muss Entlastung nicht nur anerkennen, sondern auch konsequent umsetzen. Der Entscheid bringt wenigstens eine erste Verbesserung, und diese darf keinesfalls durch die Gemeinden mit einem Referendum verhindert werden, denn auch die Gemeinden sind für qualitativ hochstehende Bildung und anständige Arbeitsbedingungen für die Lehrerinnen und Lehrer an ihren Schulen verantwortlich.
Der neue Berufsauftrag für die Volksschule
Sibylle Jüttner, SP Kantonsrätin, Andelfingen
Publiziert: 20. Januar 2026
Lesezeit:
2 min
Der neue Berufsauftrag für die Volksschule