Sie würde auch vom Fünfmeterturm springen, sagte Angelica Moser am Sonntag. Die Badis in Magglingen und Andelfingen hätten jedoch nur ein Dreimetersprungbrett. Adrian Rothenbühler müsse sich also keine allzu grossen Sorgen machen. Ihr Trainer hatte zuvor scherzhaft angetönt, dass die 28-Jährige ihm mit ihren Freizeitaktivitäten manchmal die Schweissperlen ins Gesicht treibe. Denn als ehemalige Kunstturnerin bleibe es bei ihr wohl meist nicht bei einem einfachen, geraden Sprung ins Wasser.
Fast fünf Meter hoch flog Angelica Moser in dieser Saison regelmässig. Vor etwas mehr als einer Woche hatte sie sich zum zweiten Mal in Folge zur Europameisterin im Stabhochsprung gekrönt. Bis und mit 4,80 Meter meisterte sie dabei alle Höhen auf Anhieb. «Es war ein fast perfekter Wettkampf», gab sie am Sonntag zu. Die Gemeinde Andelfingen hatte zum grossen Empfang auf den Marktplatz geladen. Gekommen waren weit über hundert Menschen.
Ein Wechselbad der Gefühle
Die Ausnahmeathletin betrat das Festgelände unter tosendem Applaus durch ein Spalier aus Fahnen anderer Dorfvereine, der Gemeindepräsident erwartete sie auf der Terrasse der «Spätzlipfanne». Daneben symbolisierte eine Hochsprunglatte, wie hoch Angelica Moser in ihrem Sport tatsächlich springt. Sein Vorgänger habe ja reichlich Erfahrung mit solchen Feiern, sagte Dani Grab. «Es freut mich ausserordentlich, dass ich nun bereits nach nur 60 Tagen im Amt zu dieser Ehre komme.»
Sie habe eine anspruchsvolle Woche hinter sich, schilderte die Leichtathletin ihre Gefühlslage. Es sei ein Auf und Ab gewesen. Kurz nach ihrem Titelgewinn verlor sie ihre Grossmutter. Und am Freitag sprang sie bei der Athletissima in Lausanne schon wieder aufs Podest. Ihre Grossmutter sei ihr sehr nahe gestanden, deshalb habe sie zuerst gar nicht gewusst, ob sie es schaffe, anzutreten. «Aber sie hätte es so gewollt, sie war einer meiner grössten Fans.» Umso glücklicher sei sie nun darüber, dass sie gesprungen und der Wettkampf in der Romandie so gut verlaufen sei.
Ein besonderer Bonus
In Lausanne wurde sie «nur» Zweite. «Den Sieg habe ich mir hoffentlich für später aufgehoben.» Möglichkeiten dazu gibt es in dieser Saison noch einige. Morgen Mittwoch steht Weltklasse Zürich in der Halle des Hauptbahnhofs auf dem Programm. Der Heimwettkampf vor Freunden und Familie verleihe ihr immer eine Extraportion Energie, sagte sie. Später folgen der Diamond-League-Final in Brüssel und die erstmals durchgeführten World Athletics Ultimate Championships in Budapest. Bei Letzteren gehe es eigentlich vor allem ums Geld, so Angelica Moser lachend. Die weltweit Besten der Saison treten dort nochmals gegeneinander an.
Wegen dem Geld mache sie ihren Sport aber nicht, versicherte sie. Bei ihr stehe die Freude an der Sache im Vordergrund. Sie zahle brav ihre Steuern in Andelfingen – und ihr Manager habe sie erst darauf hinweisen müssen, dass sie an der Europameisterschaft noch einen Bonus gewonnen habe. «Ich wusste gar nicht, dass so etwas existiert.» Gold Crown nennt sich diese erstmals an der EM in Rom 2024 vergebene und mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung, die die besten Leistungen in zehn Disziplinengruppen würdigt. Angelica Moser belegte in der Kategorie Sprünge der Frauen den Spitzenplatz.
Eine historische Leistung
Die zweite EM-Goldmedaille in Folge dürfte für eine Athletin ohnehin mehr wert sein als jeder Geldbetrag. Die Andelfingerin ist die erste Schweizerin, der die Titelverteidigung in einer technischen Disziplin gelang. In der über 50-jährigen Geschichte von Swiss Athletics sei so etwas bis dahin überhaupt erst einmal vorgekommen, betonte Verbandspräsident Christoph Seiler.
Angelica Moser habe schon im Nachwuchs alle internationalen Goldmedaillen gewonnen, die es zu gewinnen gab. «Das ist eine Leistung, die kaum mehr zu erreichen ist», sagte er. Er glaube aber nicht, dass das Ende der Fahnenstange schon erreicht sei.
Die Stabhochspringerin stimmte ihm zu. Auch sie zeigte sich überzeugt, dass noch viel Luft nach oben vorhanden ist, sowohl technisch als auch physisch. «Die Sprünge in dieser Saison beweisen es.» Ausserdem fehlen in ihrem Repertoire noch die Medaillen von einer Freiluft-WM und von Olympia. Die Chancen dazu bieten sich 2027 in Peking und 2028 in Los Angeles.
Ob sie bald ihren Vater übertrifft? Severin Moser war ein erfolgreicher Zehnkämpfer und insbesondere im Stabhochsprung stark. Sein Bestwert liegt bei 5,10 Metern. «Abwarten, ich nehme Schritt für Schritt», bremste die Tochter und Schweizer Rekordhalterin bei den Frauen (4,88 Meter) die Erwartungen. Zuerst will sie die 4,90 schaffen, dann soll nach Möglichkeit die 5-Meter-Marke fallen. Was danach komme, werde sich zeigen. Aber: «Es läuft eine Wette», gab sie zu. Es wäre der Weltrekord. Diesen hält seit August 2009 die Russin Jelena Issinbayeva mit 5,06 Metern, aufgestellt bei Weltklasse Zürich. Ein gutes Omen?
Die Ausnahmeathletin und die Wette