Ferien am Strand? «Nein, danke», sagt Andrea Gutknecht im Gespräch und lacht. Ihre Welt liegt am anderen Ende der Höhenskala. Als «Alpinmaus» bietet sie das ganze Jahr über geführte Abenteuer im Gebirge an. Schon als Siebenjährige wagte sich Andrea Gutknecht hoch hinaus – genau 3072 Meter über Meer waren es. Damals hat sie zum ersten Mal den Urner Hausberg Bristen bestiegen.
Nach der Lehre zur Hochbauzeichnerin zog es sie rasch zurück in die Berge. Zuerst als Skilehrerin, dann als Patrouilleurin mit Sprengberechtigung für Lawinen. 2012 schloss sie die Ausbildung zur Bergführerin ab. Sie war eine von nur drei Frauen in diesem Jahrgang. Damals zählte der Schweizer Bergführerverband (SBV) gerade einmal 28 Frauen unter seinen insgesamt 1546 Mitgliedern.
Bergsteigerinnen in der Unterzahl
Lange war sie gar die einzige Bergführerin im Kanton Uri. «Das hat damals für viel Interesse gesorgt», erinnert sich Andrea Gutknecht. Auch heute sind Frauen am Berg noch deutlich in der Unterzahl. «Die körperliche Belastung ist hoch. Vielleicht ist das der Grund, wieso sich Frauen den Beruf weniger zutrauen.» Als Frau achte sie besonders auf die Gewichtsverteilung. «Wenn ich leichter bin als die Gäste, passe ich die Sicherung an.»
Ohnehin passe sie aber jede Tour individuell an. Auch unterwegs beurteile sie das Zusammenspiel zwischen dem Gelände, den Verhältnissen und den Teilnehmenden ständig neu. Zwei dieser drei Faktoren müssten im grünen Bereich liegen. «Ist das Gelände einfach und herrschen gute Wetterverhältnisse, kann der Faktor Mensch etwas unsicher sein», erklärt Andrea Gutknecht. Wenn nötig, passe sie die Route unterwegs an oder drehe um.
Faktor Mensch
Der Mensch sei dabei der wichtigste Faktor. «Man braucht ein gutes Gespür für seine Gäste und für sich selbst.» Sie wähle stets eine Route, die bezüglich Sicherheit eine «Reserve» lasse. Damit bleibe Raum nach oben, und niemand werde überfordert. «Ich würde beispielsweise niemals durch die Eigernordwand führen.» Zudem kommuniziere und begründe sie jede Änderung. Einen möglichen Wetterumschwung etwa spreche sie gleich zu Beginn an. Das werde gut akzeptiert.
Seit 2020 lebt die gebürtige Urnerin in Henggart. Mit ihrem Mann, den sie 2012 auf einem Berg kennenlernte, hat sie zwei Kinder. War sie früher das halbe Jahr als Bergführerin unterwegs, plant sie heute nur noch etwa sechs Tage pro Monat ein. Das erlaube ihr, auch spontan aufzubrechen. Wie etwa vor drei Jahren, als es für einige Tage viel Schnee hatte. «Da habe ich einige Stammgäste angerufen, ob sie Lust auf eine Skitour im Toggenburg hätten. Schliesslich haben wir diese Gelegenheit heute nur noch selten.»
Der Klimawandel habe vieles verändert. Allgemein liege im Winter weniger Schnee. Für Skitouren, die sie bis Ende Mai anbietet, seien Höhen wie die des Jungfraujochs (3450 Meter) nötig. Auch für Gletscherbegehungen werde die Schneeschicht schon viel früher im Jahr zu dünn. Viele Routen, die einst über Gletscher führten, seien heute nur noch Geröllfelder und nicht mehr sehenswert. «Einige habe ich ganz aus meinem Repertoire gestrichen», bedauert Andrea Gutknecht.
Neue Herausforderungen
Die Hitze dieses, aber auch der letzten Sommer habe neue Herausforderungen gebracht. Die konstant hohen Temperaturen hätten die Steinschlaggefahr erhöht – einer der Gründe, wieso Andrea Gutknecht inzwischen lieber auf Viertausender verzichtet. Der andere Grund seien die zahlreichen Besuchenden, die sich auf die beliebten Routen konzentrieren würden. Schon in den Hütten sei sehr viel los. Bereits 2017 hatte sie mit der Schreckhorn-Lauteraarhorn-Überschreitung den letzten ihr noch fehlenden Schweizer Viertausender erklommen.
Wichtiger als die Berge selbst ist ihr der Schnee. Müsste sie sich auf eine Saison konzentrieren, würde sie sich für Skitouren entscheiden. «Ich liebe es, Ski zu fahren. Auf den Pisten hat es aber viel zu viele Leute.»
Wie einst ihre Eltern will sie ihre Begeisterung ihren Kindern weitergeben. Mit vier und sechs Jahren waren sie diesen Sommer zum ersten Mal auf einer Gletschertour dabei. «Ich hatte Freude, meinen Kindern den Gletscher zu zeigen. Schliesslich weiss man nicht, wie lange sie noch da sind.»
Ihre Welt sind die Berge