Ebenfalls den 105. Geburtstag feierte am Dienstag, 25. August, Emma Schönenberger. Die älteste Altikerin (AZ vom 26.8.2022) lebt seit gut vier Jahren im Alterszentrum Im Geeren in Seuzach. Zu Besuch kamen ihre Kinder mit Anhang sowie eine Enkelin, die auch schon pensioniert ist. Sie erfreut sich einer guten Gesundheit.
Ihre Selbständigkeit war Marcelle Bucher ihr ganzes Leben lang wichtig – und ist es bis heute. Zwar lebt sie seit rund drei Jahren im Zentrum für Pflege und Betreuung Weinland, aber auch dort bewahrt sie sich so viel Selbständigkeit, wie es ihre Gesundheit zulässt. Mit einem Rollator schreitet sie durch die Gänge und pflegt ihren Körper inklusive ankleiden weitestgehend allein. «Nur beim BH brauche ich Hilfe», sagt sie mit einem schelmischen Lächeln.
Angesichts ihres Alters ist dies nicht selbstverständlich: Marcelle Bucher feierte am Freitag ihren 105. Geburtstag. Von ihrer Familie kam, wer es einrichten konnte: die beiden Töchter und deren Kinder und Kindeskinder sowie die dazugehörenden Partner, was Marcelle Bucher sehr genoss. «Vier Urenkel habe ich», sagt Marcelle Bucher stolz. Sie freute sich im Vorfeld besonders auf den jüngsten Urenkel, der erst zwei Jahre alt ist. Er ist der einzige männliche Nachkomme. «Wir sind eine Frauenfamilie», scherzt Marcelle Bucher und betont, dass auch die Männer in ihrer aller Leben eine wichtige Rolle spielen beziehungsweise gespielt haben. «Wir haben es gut miteinander. Gegenseitiger Freiraum ist uns wichtig.»
Aktiv im Heim
Die Seniorin erwartet im Alltag deshalb keine Besuche von ihren Lieben – sie freut sich aber, wenn jemand kommt. «Ich hadere nicht damit, hier im Heim zu sein. Es ist nun einfach so, das habe ich akzeptiert.» Im Heim nimmt sie gern am gemeinsamen Singen und an den Vorlesestunden teil. Anderes sei meist nicht möglich, da sie fast nichts mehr sieht. «Lismen geht aber noch, das kann ich blind», fügt sie hinzu. Die kleinen Stücke, die sie strickt, dienen im Winter auf den Fensterbänken als Isolation.
Schon immer war Marcelle Bucher am Weltgeschehen sehr interessiert und las viele Bücher: Historisches, aber auch Romane. «Aber sie mussten Inhalt haben», erklärt sie, «nicht so ein seichtes Zeug.» Lesen könne sie nun wegen der geringen Sehkraft nicht mehr – sie erkennt Farben nur noch sehr verschwommen.
Sie tanzte für ihr Leben gern
Geboren wurde Marcelle Bucher 1921, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Den Zweiten erlebte sie als junge Frau mit all seinen Rationierungen. Und der Einschränkung, ihre Lehre zur Verkäuferin in einer Samenhandlung erst ein Jahr später, 1940, abschliessen zu können. Eine Lehre zu machen, war für die gute Schülerin in der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit. Der Verdienst gab ihr aber Freiraum, um zu reisen. So fuhr sie nach dem Krieg alleine nach Italien – auch ein Zeichen für ihre Selbständigkeit und damals sehr ungewöhnlich für Frauen.
Als sie noch jung war, sei sie gerne mit einer Freundin zu Tanzveranstaltungen gegangen. Denn getanzt habe sie für ihr Leben gern. An einem solchen Anlass lernte sie 1950 ihren Mann Charles kennen – obwohl er nicht tanzen konnte. «Er hatte kein Gefühl dafür», erklärt Marcelle Bucher und wird dabei mit einem Nicken von Tochter Jacqueline Läubli bestätigt: «Doch sonst hat euch viel verbunden.» Über 50 Jahre, bis zu seinem Tod 2005 am 52. Hochzeitstag, waren sie verheiratet.
Wegen seiner Anstellung als Vertreter in der Ostschweiz kam Marcelle Bucher schweren Herzens drei Jahre nach der Hochzeit mit ihm und der kleinen Jacqueline von ihrem geliebten Bern nach Winterthur, wo sie bis zu ihrem 100. Geburtstag in ihrer eigenen Wohnung lebte. Nach zwei Jahren im Haus der Tochter folgte dann der Umzug ins Marthaler Heim.
Familienleben war die schönste Zeit
Das Familienleben, 1956 erweitert mit Tochter Denise, sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen, sagt Marcelle Bucher rückblickend. Wanderungen in der Schweiz gehörten dazu. Wegen der Kinder blieb sie zu Hause und arbeitete nur jeweils zwei Monate pro Jahr als Aushilfe in einer Samenhandlung. «Das Geld hatte ich dann für mich zur Verfügung», freut sie sich noch heute in Erinnerung an Dinge, die sie sich davon leisten konnte.
Aufgrund ihres Alters wurde Marcelle Bucher für die Hundertjährigen-Studie «100 Swiss» interviewt. Sie ist eine von den 92 Prozent der über 100-Jährigen, die mit ihrem Leben zufrieden sind. Dazu gehört bis heute ihr Äusseres: Alle 14 Tage besucht sie den Coiffeur und lässt ihre Haare braun färben. «Sonst wäre mein Dachstübli weiss», scherzt sie. Auch ihre Kleider wählt sie sorgfältig aus.
Auf die Frage, was dazu beigetragen habe, so alt zu werden, kommt spontan die Erinnerung an ihren Vater. Dieser habe stets gesagt, es sei wichtig, gut zu essen. «Daran habe ich mich immer gehalten», sagt Marcelle Bucher und zählt auf: «Ich habe immer wenig Fleisch, viel Gemüse und Salat gegessen. Und Schokolade.» Schokolade? «Ja, der habe ich nie wiederstehen können», erklärt sie. Und sie könne es bis heute nicht: Wenn sie welche habe, sei die immer schnell verspeist. Deshalb bringt ihre Tochter ihr jeweils nur einen Schokostengel mit, den Marcelle Bucher dann sehr geniesst – auch mit 105 Jahren.
105 und immer noch rüstig