63 Jahre seit der Seegfrörni 1963

Uesslingen - Christian Hunzikers Vortrag zur letzten Bodenseegfrörni lockte ungewöhnlich viel Publikum an den Seniorennachmittag. Die meisten hatten das Eis und die Sensation am ersten Märzwochenende 1963 persönlich genossen.

Silvia Müller (sm) Publiziert: 03. März 2026
Lesezeit: 5 min

«Wer erinnert sich an die Seegfrörni?», fragte Christian Hunziker zum Einstieg. Rund zwei Drittel der über 40 Gäste in der «Engelschüür» streckten die Hand in die Luft. 1963 fror zum ersten Mal seit 1880 der ganze Bodensee zu. Am ersten Märzwochenende vor 63 Jahren tummelten sich Zehntausende Menschen auf dem Eis des drittgrössten Sees Mitteleuropas.

Die Pro Senectute Uesslingen-Buch konnte mit dem Thema auch Jüngere und Gäste aus Neunforn anlocken. Christian Hunziker ist Leiter des Seemuseums Kreuzlingen. Er und sein Team haben fürs Seegfrörni-Jubiläum 2023 Geschichten von Augenzeugen gesammelt und gemerkt: Wer die Seegfrörni selbst miterlebt hatte, vergisst das nie mehr. «Den Menschen war 1963 sehr bewusst, wie einzigartig das Ereignis war. Sie haben es zelebriert und auf alle denkbaren Arten Erinnerungen daran festgehalten.»

Der Aufruf brachte dem Seemuseum viele kleine Erinnerungsfetzen in Form von Fotos, Postkarten, Zeitungsartikeln, Tagebüchern bis hin zu Berichten von «mutigen, manchmal leichtsinnigen Überquerern». Aus solchen Puzzlesteinen präsentierte Christian Hunziker am Mittwoch eine Art Chronologie.

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Sogar Kleinwagen trug das Eis – doch es brachen auch Autos ein. | J. Pietruske

Extrem seltene Wetterbedingungen

Seit 1963 ist der Bodensee nie mehr ganz zugefroren, und aufgrund der globalen Erwärmug wird er es wohl so bald nicht mehr. Als erste gefrieren die kleineren Becken des Untersees. Das hatte man bereits 1956 erlebt. Dass auch der Obersee gefriert, wurde aber seit 875 n. Chr. erst 33-mal dokumentiert. Dazu brauche es eine Kältesumme von 370, konkret mindestens 90 Tage mit minus 4 Grad Celsius. Und möglichst Windstille, damit die tiefen, vier Grad warmen Schichten nicht aufgewirbelt werden.

Schon im November 1962 fielen die Temperaturen konstant unter null. Ende Dezember wurde der Markelfinger Winkel bei Radolfzell freigegeben. Ab Mitte Januar durfte man zu Fuss von der Reichenau nach Steckborn und umgekehrt. Zöllner beider Länder stellten auf dem See bald improvisierte Kontrollstellen auf, da sich deutsche Einkaufstouristen in der Schweiz mit Zigaretten und Kaffee eindeckten.

Leid für die Wasservögel

Für die Wasservögel brachte das Eis Leid, sie fanden keine Nahrung mehr. Die Menschen fütterten zu, Dutzende Schwäne wurden auf den Vierwald­stättersee oder ins Konstanzer Schlachthaus evakuiert – als Gäste. Später wurden die Vögel sogar von der Bundeswehr aus der Luft gefüttert. 

Anfang Februar wurde der Schiffsverkehr auf dem Bodensee schrittweise eingestellt, bis nur noch die Fähren Meersburg–Konstanz und Friedrichshafen–Romanshorn fuhren. Sie mussten nun auch nachts queren, um die Fahrrinne eisfrei zu halten.

Am 6. Februar war der Bodensee fast komplett zugefroren. Sechs Männer überquerten ihn in zwei Stunden von Hagnau nach Güttingen, ausgerüstet mit Seil, Leiter und einer Trompete für den Notfall. Ein 13-jähriger Schüler folgte ihnen heimlich und alleine. Die Ankunft der Gruppe und erst recht des Bürschchens sorgte in Güttingen für gros­sen Wirbel, doch die Schweizer Behörden steckten die sieben Abenteurer kurzerhand in einen Bus und fuhren sie um den See heim.

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Luftbilder beweisen, dass Tausende der Büste des Heiligen Johannes in die Schweiz folgten – aber mit sehr grossen Sicherheitsabständen. | Ernst Schmid sen.

Noch etwas unterkühlt vom Krieg

18 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren die nachbarschaftlichen Beziehungen immer noch nicht wie vorher. Nun bildete die Seegfrörni da und dort unerwartet Brücken, um alte Beziehungen zwischen hüben und drüben aufzufrischen und neue zu knüpfen. In den folgenden Tagen und Wochen lebten Traditionen wieder auf oder wurden neu erfunden.

So brachte die Narrenclique Hennenschlitter aus Immenstaad auf Schlitten Speck, Eier, Schnaps und lebende Hühner nach Münsterlingen, symbolisch für den Zehnten, den Immenstaad einst dem Kloster Münsterlingen schuldete. Die Narren feierten mit den Schweizern im Gasthaus Hecht, worauf diese ihre Hechtler-Clique gründeten. Bis heute besuchen sich die Cliquen.

Auch innigere Anlässe fanden statt. Am 12. Februar brachten Gläubige die Büste des heiligen Johannes nach 133 Jahren von Hagnau zurück nach Münsterlingen. Einer alten Legende folgend war die Büste letztmals bei der Seegfrörni 1830 hinüber nach Hagnau gebracht worden. Nun wird sie wohl auf Schweizer Boden bleiben. Die Prozession wuchs von mehreren Seiten her auf 3000 bis 4000 Menschen an. Sie beteten für den Weltfrieden und für die Verständigung zwischen Ost und West.

Zwei Missgeschicke sind überliefert: Ein Träger rutschte aus, der Heilige Johannes bekam eine kleine Schramme. Und der erst 22-jährige Kurt Felix war als Radiojournalist vor Ort. Dabei versank sein Aufnahmegerät im See, doch zum Glück konnte er zwei Tonbänder seiner Reportage noch retten.

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Zwischendurch schufen Wind und Wärme riskante Schollen. | J. Pietruske

Spontane Geschäftsideen

Aussergewöhnliche Zeiten führen zu ebensolchen Geschäftsideen. Teils mitten auf dem See entstanden fantasievolle Pop-ups. Marroniöfen und Verpflegungsstände wurden auf dem Eis aufgestellt, Fotografen und sogar ein Rundflugpilot boten ihre Dienste an, es gab Seegfrörni-Postkarten und -Urkunden zu ergattern, und ganz sicher konnten auch Schliiferli, Schlittschuhe, Schlitten und sonstige Ausrüstungen gemietet werden.

Ab dem Valentinstag wurde es wärmer. Das Naturschauspiel änderte sich, die Kräfte von Eis und Wind schoben meterhohe Eisberge zusammen. Um den 20. herum schien das Ende nahe, die letzten offiziellen Wege übers Eis wurden abgebaut. Doch Ende Februar kehrte die Kälte heftig zurück. Nun wollten es alle nochmals wissen, auch jene, die es bisher verpasst hatten.

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Historische Momente wollen genossen und gefeiert sein. | J. Pietruske

Am Wochenende vom 2. und 3. März folgte der eigentliche Höhepunkt. Zehntausende überquerten das Eis des Obersees. Am 4. März kam es zum ersten und bisher letzten internationalen Polizeitreffen auf dem Seeeis: Vor Hagnau überreichten sich deutsche, österreichische und Schweizer Polizisten gegenseitig Flaggen. Eindeutig ein Omen für das Tauwetter, das wenige Tage später einsetzte. Ab dem 8. März schmolz das Eis schnell.

«Geblieben sind Erinnerungen und Freundschaften, die auf dieses Ereignis zurückgehen», sagte Christian Hunziker zum Schluss des packenden Bildvortrags. Und: «Die Wochen des tragenden Eises haben daran erinnert, dass der See schon seit jeher und zu jeder Jahreszeit ein internationaler Lebens- und Wirtschaftsraum ist.» Das Schlusswort war zugleich eine herzliche Einladung in «sein» herrlich am Kreuzlinger Ufer gelegenes Seemuseum.

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Wer über sich selbst lachen kann, hat gewonnen – so auch die Polizeikorps der drei Bodenseeländer beim Treffen auf neutralem Eis.

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Lindaus Hafen wurde zum Flughafen. Rundflug mit Eislandung – wer es sich leisten konnte, musste die Chance packen.Bild: Landesbibl. Vorarlberg,