Gut 40 Grad zeigt das Thermometer im Bügelraum, trotz offenem Fenster und Durchzug. «Dummerweise mussten wir Ende 2025 noch den alten Dampfkessel ersetzen, obwohl wir wussten, dass er nicht mehr lange gebraucht wird», sagt Andrea Müller. «Immerhin ist der neue viel besser isoliert, sonst wäre es hier drin noch viel heisser!»
Im niedrigen Zimmer jagen sie und ihr Mann Rolf gleichzeitig an zwei Stationen Dampf durch gereinigte Herrenhemden. Sie glättet mit dem Bügeleisen akkurat Kragen, Knopfleiste, Schultern und Ärmel vor und hängt das Hemd an einen Bügel. Dann legt er Rücken- und Vorderteil des Hemds auf das Bett der Bügelpresse und streicht beides glatt. Deckel runter, Dampf und Hitze rein, und schon ist das ganze Hemd makellos glatt.
Obwohl diese professionellen Geräte ihre Dampfschwaden laufend absaugen, wird es im Raum heisser und heisser. Leicht amüsiert bieten die Bügelprofis dem verstohlen die ersten Schweisströpfchen abwischenden Gast ein Glas Wasser an. «Wir sind die Hitze gewohnt. Dass ausgerechnet unser letzter Sommer der bisher heisseste ist, wäre aber nicht nötig gewesen», sagt Andrea. Beide lachen.
Es war nur gemeinsam zu schaffen
Sie lachen oft. Offensichtlich arbeiten sie nicht nur Hand in Hand, sie sind zufrieden damit. War das die ganzen 40 Jahre so? «In den Ferien und privat hatten wir tatsächlich so gut wie nie Streit. Höchstens wenn hier im Betrieb mal alles drunter und drüber ging, konnte es kurz mal vorkommen», bestätigt er. Mit Andrea an seiner Seite würde er die Textilreinigung auch ein zweites Mal übernehmen. Der Betrieb im eigenen Wohnhaus habe seine guten Seiten gehabt, besonders, als die drei Kinder noch klein waren. «Wir waren immer da, wenn die Kinder von der Schule kamen, und Rolf sah sie Tag für Tag aufwachsen. Das verpassen die meisten Väter ja», erklärt sie.
Andererseits seien sie beide fast immer am Arbeiten gewesen, oft auch nach dem Abendessen bis spät in die Nacht. «Unser Familienleben fand hauptsächlich im und ums Geschäft herum statt.» Zeit zum Spielen mit den Kindern oder für einen Badinachmittag hätten sie kaum je gehabt.
Nicht ihr erster Berufswunsch
Nach der Lehre als Automechaniker und der RS kehrte Rolf Müller für ein Jahr in eine Autowerkstatt zurück. Dann beschloss seine Mutter mit 51 Jahren, die 1962 eröffnete Textilreinigung abzugeben oder allenfalls aufzulösen. Rolf hatte ihr ab 1984 ausgeholfen und sich eingearbeitet. Andrea arbeitete noch in ihrem Beruf als Krankenpflegerin im Pflegeheim.
Damals hatte er Bedenken, seinen Beruf aufzugeben und die Reinigung zu übernehmen. Sie hingegen «dünkte es schade für alle, ein Geschäft mit so vielen zufriedenen Stammkunden aufzulösen», sagt sie, «also übernahmen wir 1987 die Firma auch offiziell».
Am Anfang noch Lochkarten
In der Anfangszeit brachten sie alle wichtigen Einrichtungen auf den technisch aktuellen Stand, allen voran die grossen Waschmaschinen im Keller. «Meine Mutter hatte teilweise noch mit Lochkarten gearbeitet und wollte bis zuletzt keine neumodische Technik mehr anschaffen», sagt er und lacht. Jetzt, vierzig Jahre später, geht es ihnen ähnlich. Solange etwas seinen Zweck erfüllte, behielten sie es in Betrieb.
Die Auftrags- und Lieferbücher führen sie immer noch handschriftlich. Sie lagern seit Jahrzehnten in der gleichen Buffetschublade im Stapel rechts Heft für Heft die Annahmestellen der wöchentlichen Morgentour in den Norden, links diejenigen der Süd-Tour.
Dieses Handwerk lebt zu einem grossen Teil von der Erfahrung. Nur wo unbedingt nötig, hat an der Strehlgasse die Digitalisierung Einzug gehalten. «Wir wissen ja schon länger, dass unsere Kinder die Reinigung nicht weiterführen werden», sagt er. Entsprechend seien sie zufrieden, wenn die alten Geräte noch bis Ende Jahr durchhielten.
Wendepunkt Pandemie
Im Nachhinein staunt man, wie viele Branchen die Pandemie als Anfang vom Ende bezeichnen. Auch in Andelfingens chemischer Reinigung laufe seit dem Lockdown deutlich weniger: «Die Angestellten im Homeoffice brauchten keine Hemden und Anzüge. Und nach der Rückkehr ins Büro haben viele Firmen den Dresscode gelockert.» Ähnlich wirke sich der Trend zu Teilzeitpensen aus.
Inzwischen gebe es immer mehr synthetische Textilien, die im passenden Waschprogramm moderner Heimwaschmaschinen keinen Schaden nähmen, sagt Rolf Müller. Es kämen aber auch ständig neuartige Materialien auf den Markt, die nur auf ganz bestimmte Weise behandelt werden dürften. «Da stossen sogar erfahrene Profis an die Grenzen. Wir konsultieren laufend die Infos des Verbands Textilpflege Schweiz.» Lieber einmal zu viel nachfragen als einmal zu wenig, sei ihre Devise: «Die Kundinnen und Kunden vertrauen uns ja etwas an, das ihnen sehr wichtig ist. Im Zweifelsfall würden wir niemals einfach ein Mittel oder eine Methode ausprobieren.»
Ein Hoch auf die Pflegeetikette
Wer also kurzerhand alle kratzigen Pflegeetiketten rausschneidet, bringt die Menschen in den Textilreinigungen zur Verzweiflung. «Bei immer mehr Mischmaterialien sind selbst Experten auf die Etiketten angewiesen. Deshalb nehmen die Reinigungen der Grossverteiler gar keine Teile ohne Pflegeetikette mehr an.» Schlechte Nachrichten für die handgeschneiderten Sachen aus wertvollen Stoffen! Wo soll man sie in Zukunft denn noch hinbringen?
Am 29. Dezember um 12 Uhr ist Annahmeschluss an der Strehlgasse 6, damit die letzten Aufträge bis zum Ladenschluss an Silvester abgeholt werden können. So lange können Rolf und Andrea Müller der Stammkundschaft noch über die Ladentheke raten, welchen Adressen sie ihre eigene Wäsche anvertrauen würden.
Eins steht jetzt schon fest: Egal, wo das sein wird – dermassen bequem in der Nähe bekommt man keine so herzliche Beratung mehr. Für die Generalüberholung der Anzüge, Ballroben, Skianzüge, Vorhänge und Bettüberwürfe braucht es ab Januar die Fahrt in eine Nachbarstadt.
Adieu charmante chemische Reinigung