Bewährte Rehkitzrettung neu gedacht

Stammertal - Auf Anfrage deponiert die Jagdgesellschaft selbst entwickelte Stangen mit flatternden Säcken am Rand von Wiesen, die am nächsten Tag gemäht werden sollen. Damit können die Landwirte Rehkitze ebenso wirksam retten wie mit Drohnen.

Silvia Müller (sm) Publiziert: 27. Mai 2026
Lesezeit: 3 min

Die moderne Rehkitzrettung mit Drohnen sei ein gute Sache, bestätigen Wolfram Fölling und Oskar Reutimann von der «Jagdgesellschaft Guntalingen bis Hard und Tal». Und die im Stammertal neu entwickelten Verblendstangen seien eine optimale Ergänzung: kurzfristig und einfach aufzustellen und ohne Personaleinsatz wirksam.
 
Beim Drohneneinsatz registrieren fliegende Wärmebildkameras in den kühlen Morgenstunden die Körperwärme der im hohen Gras verborgenen Rehkitze. So können die Tiere entdeckt und vor dem Eintreffen der Mähmaschine gerettet werden. Attraktiv an dieser Methode ist unter anderem, dass sie jeden Erfolg sichtbar dokumentiert. Demgegenüber versagt einem das Vergrämen mit Stecken solche Jöh-Erlebnisse – ihr Erfolg ist einzig daraus zu schliessen, dass keine Tiere verletzt wurden. 

In Spitzenzeiten brauchts beide

Die meisten Wiesen sind als ökologische Ausgleichsflächen angemeldet und dürfen deshalb erst ab dem 15. Juni gemäht werden. Dann sind sie bereits sehr reif, und es pressiert. Deshalb seien oft nicht genug Drohnen da, wenn alle Landwirte gleichzeitig das gute Mähwetter nutzen müssten, sagen die beiden: «Das Verblenden mit Stangen wie früher ist dann eine einfache Alternative.» Zumal die Jagdgesellschaft lange getüftelt und wesentlich praktischere und effektvollere Verblendstangen entwickelt habe, als bisher verwendet wurden.
 
Den Landwirten liefern sie die Stangen am Tag vor dem Mähen bis zum Rand der Wiese. Für eine Hektare – 10'000 Quadratmeter, etwa so gross wie ein Fussballfeld – reichen zehn gut verteilte  Stangen.
 
Anstelle der dicken Holzpfähle, die kaum in den trockenen Sommerboden gerammt werden konnten, verwendet das Team Eisenstäbe, wie sie beim Betonieren üblich sind. Ein im unteren Fünftel angeschweisster Steg ist breit genug, um den Arbeitsschuh daraufzustellen und die dünne Stange  mühelos tief in den Boden zu treten – am besten schräg, damit das leicht federnde Konstrukt weit ausholt und der zappelnde Plastiksack maximal Lärm macht und immer wieder die Grasspitzen streift. Die dünne, aber robuste Stange ermöglicht das schräge Einschlagen.

Der oben abgewinkelte Stab endet in einer Öse für den Karabiner der Metallkette, die den Plastiksack hält. Die entscheidende Verbesserung zu den üblichen Verblendstangen sei die Verwendung von Metall statt Holz und Seilen, sagen die beiden: Die Objekte sind dadurch dünn, unverwüstlich und klirren und rasseln, wenn ein Luftzug den Sack daran schlägt.

250 Stangen reichen für 25 Felder

250 Stangen hat die Jagdgesellschaft finanziert und produziert. «Wir wissen aber nicht, wo und wann ihr eure Wiesenflächen mäht. Das Einfachste: ein Anruf vor dem Mähen!», fordern sie die Bauern auf. «Wir liefern, ihr stellt auf, wir sammeln wieder ein.»
 
Die Stangen müssen eine Nacht vor dem Mähen aufgestellt werden. Rehkitze bleiben in den ersten vier Lebenswochen tagsüber unsichtbar und unbeweglich im hohen Gras liegen. Dank ihrer Tarnflecken und fehlenden Eigengeruchs sind sie dort sicher vor Feinden. Ihr fehlender Fluchtinstinkt führt aber dazu, dass sie von Mähmaschinen erfasst und getötet werden.

In der Nacht kommen die Muttertiere zu ihren Kitzen ins Gras, um sie zu säugen und abzulecken. Wenn sie dabei etwas in der Umgebung irritiert, führen sie die Jungen aus den gefährdeten Bereichen in ungestörte. Die störenden Massnahmen müssen also rechtzeitig angebracht werden – aber auch nicht zu früh, damit sich die Tiere nicht an die Irritationen gewöhnen können.

Jagdaufseher Wolfram Fölling (077 413 98 12) koordiniert die Einsätze.