«Der Männerchor Frohsinn Andelfingen bietet neuen Sängern eine Chorschule an. An meiner ersten Probe – da bin ich offen – war ich überfordert. Der Männerchor bereitete sich gerade auf einen Wettbewerb vor, und sich in den vier verschiedenen Stimmen zurechtzufinden, war herausfordernd. Meine Strategie: Statt Singen einfach den Mund öffnen, gemerkt hat es keiner.
Zugegeben: Die Hürde, um ‹einfach so› eine Probe zu besuchen, ist hoch. Und ja, man wird etwas ins kalte Wasser geworfen. Deshalb organisiert der Männerchor Frohsinn diesen Frühling ein niederschwelliges Angebot. In einer Chorschule findest du als interessierter neuer Sänger deine Stimmlage, erhältst professionelles Stimmtraining und lernst das Notenbild so weit kennen, dass du sicher durch unser vielfältiges Repertoire navigieren kannst. Das alles unter Anleitung unserer Dirigentin Katharina Kühne.
Danach nimmst du, wenn du willst, an der regulären Chorprobe teil. Wir vom Männerchor Frohsinn Andelfingen sind Sänger im Alter von 30 bis 80 Jahren. Der Wohnort ist nicht entscheidend, unsere Mitglieder kommen auch aus Winterthur und Schaffhausen zur wöchentlichen Probe in Andelfingen. Einmal im Jahr geben wir ein Konzert, dazwischen besuchen wir Gesangswettbewerbe, singen zu speziellen Anlässen oder wohltätigen Zwecken.»
(Tizian Schöni, für den Männerchor Frohsinn Andelfingen)
Am 11. November 1894 schlossen sich die drei Männerchöre Oberstammheim, Unterstammheim und Waltalingen zum Sängerbund Stammheimertal zusammen. Schon elf Tage später hatten die 66 Aktivmitglieder ihren ersten Auftritt an der Generalversammlung der Lesegesellschaft Stammheim. Die Tradition, die stets am Ustertag durchgeführte Versammlung mit Liedern des Sängerbundes zu eröffnen, wurde bis heute beibehalten.
Vor 131 Jahren gehörten zu fast jedem Dorfleben mindestens ein Männer- und ein Frauenchor. Im 19. Jahrhundert wurde das (neue) Recht, Vereine zu gründen, mit vaterländischer Begeisterung genutzt – landesweit entstanden Turn-, Schützen-, Musikvereine und Chöre.
Die Euphorie für die traditionellen Vereine hat in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Seit mittlerweile rund 40 Jahren finden viele Vereine ihren Nachwuchs nicht mehr wie von selbst. 2012 wurde der Bezirks-Chorverband aufgelöst, hauptsächlich, weil zunehmend Chöre fusioniert oder ganz aufgehört hatten.
Die verbliebenen Weinländer Chöre sind seither den Chorverbänden in Winterthur und Schaffhausen angeschlossen. Mitglieder aus der Region sind dort aktuell die Männerchöre Buchberg und Frohsinn (Andelfingen), der Sängerbund Stammertal und die Frauenchöre von Uhwiesen, Andelfingen und Altikon. Dazu kommen vier gemischte Chöre aus Dachsen, Buchberg-RĂĽdlingen, RheinÂau und HĂĽnikon, der Kinderchor Wylandmeisli und dessen Fortsetzung fĂĽr Jugendliche, die Wym’s Singers Andelfingen.
Allerdings bräuchten die meisten Chöre für Erwachsene dringend Nachwuchs. Zuletzt hat sich deswegen 2017 der Männerchor Flaach aufgelöst. Einige der Flaacher wechselten damals zu Nachbarchören, drei davon zum Sängerbund. Doch nun ist es auch im Stammertal so weit.
Reiner Ulrich, ist euer harter Schnitt wirklich nötig? Gäbe es denn keine Fusionspartner für den Sängerbund?
Reiner Ulrich: Wir sollten es realistisch sehen: Wir sind nun noch 15 aktive Sänger, und die meisten sind alt. Seit zig Jahren konnten wir keine Jungen mehr zum Einsteigen gewinnen. Unterdessen sind manche Stimmen nicht mehr ausreichend besetzt, wenn jemand mal ausfällt. Und genau das kommt altershalber klar häufiger vor. Die Teilnahme an Gesangsfesten und überhaupt Anlässen wird deshalb immer riskanter.
Warum sind die traditionellen Männerchöre offenbar noch gefährdeter als die Frauen- und gemischten Chöre?
Grundsätzlich erleben fast alle Chöre einen Rückgang. Der Lebensstil hat sich verändert. Wöchentliche Proben und zusätzliche Verpflichtungen das Jahr über schrecken manche von einem Beitritt ab. Unser zweites Problem ist der Gesang an sich: Gemeinsames Singen gehört nicht mehr zum Alltag. Moderneres Liedgut könnte vielleicht trotzdem mehr Nachwuchs anlocken. Aber wir lieben nun einmal unser Repertoire und würden es nicht austauschen wollen.
Stimmt, kürzlich an der Novemberfeier war euch die Freude anzusehen. Wollt ihr wirklich alle mit dem Singen aufhören?
Einer singt sicher im Jodelverein weiter und einer im gemischten Chor. Die meisten anderen hören auf, vermute ich. Wir werden an einer ausserordentlichen Generalversammlung im März beschliessen, ob wir unser letztes Konzert noch vor den Sommerferien geben oder ob wir uns erst an der Novemberfeier verabschieden wollen. Unsere langjährige Dirigentin Beatrice Zbinden wird weiterhin auch andere Chöre leiten.
Das heisst, 2026 wird es kein Sommerfest mit dem Sängerbund mehr geben?
Ja, das steht jetzt schon fest. Wir sind unterdessen einfach zu wenige Mitglieder, um aus eigener Kraft oder auch unterstützt von Familien und Freiwilligen so grosse Anlässe zu bewältigen. Auch das ist für uns mit ein Grund, rechtzeitig aufzuhören.
Andelfingens Männerchor Frohsinn geht den umgekehrten Weg und wirbt mit einer lockeren Chorschule um neue Mitglieder (siehe Kasten). Wäre für euch die Fusion mit dem «Frohsinn» keine Option?
Erstens wünscht sich Andelfingen bestimmt junge Männer, keine alten Knaben. Auch weil wir altersbedingt höchstens vorübergehend eine Verstärkung wären. Das haben wir selbst erlebt, von den drei Flaachern singt heute nur noch einer mit uns. Und zweitens ist uns die Verbundenheit zum eigenen Tal ebenso wichtig wie das Singen selbst. Unsere Proben sind wie Freundestreffen, und danach können die meisten zu Fuss in die Dorfbeiz. Die Vorstellung, dies alles nochmals neu und auswärts anzufangen, ist zumindest für die Älteren nicht so verlockend. Deshalb sieht es momentan eindeutig danach aus, dass der Sängerbund Stammertal bald Erinnerung sein wird.
Chorschule: 11., 18., 25. März, 1., 8., 15. April, jeweils von 19.15 bis 20 Uhr im Singsaal Primarschulhaus Andelfingen. Anmeldung bei Rainer Früh (079 757 19 35)
Der zweitletzte Männerchor hört auf