Äusserlich unterscheidet sich der neue Elektro-Gelenkbus kaum vom bisherigen. Doch statt eines Auspuffs hat er grosse weisse Pakete auf dem Dach. Sechs leistungsstarke Akkus sorgen dafür, dass mit dem Fahrzeug bis zu 260 Kilometer weit auf den Postautolinien gefahren werden kann. Ohne Abgase.
Das ist deutlich weniger weit als das Tagespensum eines herkömmlichen, dieselbetriebenen Postautos. Bis zu 500 Kilometer, also doppelt so weit, wie momentan mit vollen Akkus möglich ist, legt jedes Fahrzeug jeden Tag auf seinen Rundkursen bei der Beförderung der Passagiere im öffentlichen Verkehr (ÖV) zurück.
Linien 676 und 671
Derzeit wird der Elektrobus zu den Stosszeiten am Morgen und am Abend auf den Linien 676 (Henggart–Winterthur) und 671 (Winterthur–Neftenbach–Hettlingen) eingesetzt. Dazwischen kommt er zum Nachladen zurück zum Motrag-Gebäude in Flaach. Der Chauffeur wechselt nach seiner Pause auf ein anderes Fahrzeug, damit genügend Ladezeit bleibt.
Für das Unternehmen, das von den Brüdern Dominic Moser (Linienbetrieb) und Pascal Moser (Werkstatt) geführt wird, bedeutet die Umstellung auf Elektrobusse, die gemäss Postauto Schweiz bis 2035 erfolgen muss, mehr als nur einige neue Fahrzeuge. Die Infrastruktur muss mit Ladestationen nachgerüstet werden, aufs Dach des Betriebsgebäudes werden Solarpanels montiert, um weniger Strom einkaufen zu müssen. Und auch für die Mitarbeitenden in der Werkstatt ändert sich einiges.
Dacharbeitsplätze nötig
Die Arbeiten an Elektrofahrzeugen sind komplett anders als an Verbrennern. Der Betrieb ist dafür bereits ausgestattet: Er hat Suva-konforme Dacharbeitsplätze, an denen Mitarbeitende mit Kletterausrüstungen gegen Abstürze gesichert sind. Für die Arbeiten an E-Fahrzeugen wurden die Angestellten bereits geschult. Auch Betriebsleiter Markus Bader, der Chauffeure und Fahrzeuge einteilt, ist gefordert: Kürzere Betriebszeiten und längere Ladezeiten müssen berücksichtigt werden. Das hat auch Einfluss auf die Diensteinsätze der Fahrer. «Ich achte bei Einhaltung der vorgeschriebenen Pausen auf möglichst zusammenhängende Arbeitsblöcke ohne lange Unterbrechungen.» Etwas, was vielen Chauffeuren angesichts von Schicht- und Wochenendeinsätzen wichtig ist.
Anderes Fahrgefühl
Das Fahrgefühl mit dem neuen 120-plätzigen Mercedes-Gelenkbus habe die Fahrerinnen und Fahrer überzeugt, sagt er weiter. Einzig in den Kurven sei das hohe Gewicht auf dem Dach spürbar. Andererseits bringe der neue Antrieb über zwei Achsen eine höhere Stabilität, was sich vor allem im Winter positiv auswirken dürfte.
Aber das Steuern des Fahrzeugs bedinge auch eine gewisse Umstellung: Oft könne der Bus einfach rollen, ohne dass der Chauffeur das Gaspedal bediene, erklärt Markus Bader. Etwas, was so mit den Dieselfahrzeugen nicht möglich gewesen sei. «Es wird spannend werden, wer am wenigsten Energie verbraucht», sagt er.
Hohe Investitionskosten
Für die Motrag bedeutet die komplette Umstellung auf Elektrobusse zunächst hohe Kosten. Ein E-Bus koste mit 800'000 Franken rund eineinhalbmal so viel wie ein herkömmliches Dieselfahrzeug, weiss Dominic Moser. Aber dies werde sich während der durchschnittlich zwölf Betriebsjahre rechnen: Strom werde günstiger zu haben sein als der derzeit immer teurer werdende Diesel, und auch die Unterhaltskosten seien geringer. Selbst der vom Hersteller berechnete Akku-Austausch falle dabei nicht ins Gewicht.
Bis 2032 will die Motrag ihre mindestens 15 Fahrzeuge – voraussichtlich werden sie wegen der Ladezeiten zwei zusätzliche benötigen – auf elektroÂbetriebene Busse umgestellt haben. Denn bis dahin haben alle Motrag-Dieselfahrzeuge das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Bereits im Dezember kommt der nächste E-Gelenkbus, weitere vier Steckerfahrzeuge folgen im kommenden FrĂĽhling. Ob die Passagiere diese Umstellung bemerken, hängt von deren Aufmerksamkeit ab. Sicher ist, dass der Ă–V zukĂĽnftig leiser durchs Weinland rollt.
Erster E-Bus im Linien-Einsatz