«Friedas Fall» in Iselisberg aufgerollt

Uesslingen - 1904 tötete die verzweifelte Frieda Keller aus Bischofszell ihr Kind und wurde zum Tode verurteilt. Der Kinofilm «Friedas Fall» von 2024 beruht auf dem Roman von Michèle Minelli. Die in Iselisberg lebende Schriftstellerin gab Einblick in ihre Arbeit.

Silvia Müller (sm) Publiziert: 30. Juni 2026
Lesezeit: 5 min

Wie wird aus einem Leben zuerst ein Buch und danach ein Film? Mit dieser Frage beschäftigten sich elf Frauen und Männer, die mit der Pro Senectute Ortsvertretung Uesslingen-Buch bei Mi­chèle Minelli in Iselisberg zu Besuch waren. Im Gespräch mit der Autorin erfuhren sie immer mehr über die Not, die Frauen durch das patriarchalisch geprägte Rechtssystem erlitten hatten.

Die Schriftstellerin hat im 2015 erschienenen Roman «Die Verlorene» das Schicksal der Schneiderin Frieda Keller in Erinnerung gerufen. Im November 1904 wurde die 25-Jährige aus Bischofszell schon am zweiten Prozesstag in St. Gallen wegen Kindsmord zum Tode verurteilt. Der Prozess wurde landesweit kritisiert und Frieda Keller vom Grossen Rat wenige Tage später mit 156:1 Stimmen zu lebenslanger Einzelhaft im Zuchthaus «begnadigt».

Der Schatz in der Schachtel

2012 sei der befreundete Journalist ­Peter Holenstein mit einer Schachtel voller Dokumente vor ihrer Türe gestanden, erzählte Michèle Minelli: «Er sagte: ‹Ich habe da etwas für dich, mach etwas draus›.» Ohne Erwartungen habe sie später am Tag die Protokolle, Gerichtsakten, Zeitungsberichte, Fotografien, Lebensläufe, Briefe und Gesuche durchgesehen. «Sofort wusste ich, dass ich diese unfassliche Lebensgeschichte als Roman erzählen wollte.» Jedes Dokument zeigte ihr andere Facetten der Geschichte einer «nicht dummen, aber etwas dumpfen und allzu folgsamen Frau». 

Kriminelle Gesellschaft und Moral

Frieda Keller wurde als Jugendliche von einem Freund ihres Vaters vergewaltigt und schwanger und versteckte ihren Säugling auf Rat ihrer Eltern gleich nach der Geburt in einem Kinderheim. Sie besuchte und liebte ihren «Ernstli», hielt aber alles geheim. «Die Schande unehelicher Geburten lastete damals einzig auf den Frauen», erklärte Michèle Minelli den Gästen. Im Thurgau, wo Frieda Keller vergewaltigt worden war, habe das Rechtswesen die Männer schon fast zur Zwangsausübung ermuntert, denn das Gesetz bestrafte bei sogenannter «Unzucht» mit Beteiligung verheirateter Männer immer nur die Frauen als «Verführerin».
 
So wurden die Opfer zu Täterinnen gemacht, und gleichzeitig gaben die Justiz und die Gesellschaft Frauen mit unehelichen Kindern keine Chance auf ein bürgerliches Leben. Frieda Keller verheimlichte, dass sie geboren hatte und rackerte sich in St. Gallen ab, um das Kostgeld für ihren «Ernstli» bezahlen und sich selbst über die Runden bringen zu können. Als das Geld hinten und vorne nicht mehr reichte und der mittlerweile fünf Jahre alte Bub auch noch einen neuen Heimplatz brauchte, erdrosselte sie ihn in ihrer Verzweiflung in einem Wäldchen bei St. Fiden und verscharrte ihn notdürftig. Einen Monat später wurde die Kinderleiche entdeckt und anhand der Kleider von den Schwestern des Kinderheims eindeutig identifiziert. «Die Polizeiprotokolle zeigen, dass Frieda schon bei der Festnahme geradezu erleichtert alles gestand», erzählte Mi­chèle Minelli.
 
Im Kinofilm habe Frieda auch kämpferische, wilde Seiten bekommen, doch aus allen Zeitdokumenten spreche «eine einfache, ehrliche Frau, die sich den Ratschlägen und Vorschriften aller anderen fügte und am Ende als Einzige bestraft wurde». 

Während des Schreibens musste ich jeden Abend raus aufs Velo, um abschalten zu können.

Einzelhaft und späte Freilassung

Kindsmord ist und bleibt eine Straftat. Doch in diesem Fall sei sie «die Konsequenz vorangegangener Kriminalität auf allen Ebenen», erklärte die Autorin: Von den Vergewaltigungen über die fehlende Unterstützung durch die eigenen Eltern bis hin zum Gerichtsverfahren, in dem die Gewaltentrennung missachtet worden sei.
 
Die literarische Verarbeitung der schwer erträglichen Situationen habe heftige Emotionen ausgelöst.  «Ich bin nicht sportlich, aber während der Monate des Schreibens musste ich jeden Abend aufs Velo und raus, um loslassen und abschalten zu können.» Frieda Kellers eigenhändiger Lebensbericht und die Akten seien schwere Kost: «Ihr Leben und ihr Handlungsraum waren so eng! Sie hat immer gehorcht, wenn jemand befohlen hat.»
 
1919, nach 15 Jahren, wurde Frieda Keller in schlechter Verfassung aus der Haft entlassen. Sie erlebte noch einige gute Jahre im Hotel einer Jugendfreundin, wo sie wohnen und mitarbeiten konnte. Der Roman schildert auch diese Lebensphase. 1937 und 1938 erlitt sie drei Hirnschläge und wurde in die Heil- und Pflegeanstalt Münsingen und dann in die Nervenheilanstalt Münsterlingen verlegt, wo sie 1942 starb. 

Dokumente – Roman – Film

Michèle Minelli hat aus vielen Zetteln und Beobachtungen ein Stück Literatur aus einem Guss gemacht. «Dafür habe ich Figuren gewichtet, Szenen gestaltet, wortgetreu zitiert und Gespräche frei erfunden», erzählte sie. In jedem Kapitel gaben ihr die Dokumente einerseits die Fakten und gleichzeitig die Schlüsselwörter und den Sprachklang vor.
 
Das Verfilmungs-Angebot vom Schweizer Fernsehen und der Condor Films AG habe sie glücklich gemacht. «Das Medium Film hilft mit, dass diese so lange vergessene, unglaubliche Geschichte noch grössere Verbreitung findet. Das steht ihr zu.» Denn Frieda Kellers Schicksal sei alles andere als ein Einzelfall gewesen. «In der Schweiz wurden unverheiratete Mütter und ihre Kinder während Jahrhunderten und noch bis vor wenigen Jahren an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ausgebeutet und kriminalisiert.»

Wörter in Bilder übersetzen

Sie lieferte fünf Drehbuchversionen in zunehmender Detailtiefe, später wirkten auch die Regisseurin und ein weiterer Autor mit. So ging aus dem Buch «Die Verlorene» der Film «Friedas Fall» hervor. «Für mich als Romanautorin war mit dem Drehbuchauftrag der Moment gekommen, loszulassen. Alle Abweichungen zum Buch wurden vorgenommen, um den Inhalt von 440 Seiten in 90 dramaturgisch und optisch überzeugende Filmminuten umzugies­sen», sagte sie.

Deshalb habe der Film zwei zusätzliche, wichtige Frauenfiguren bekommen. So dürfe die Frau des Staatsanwalts Frieda in der Zelle besuchen, weil «15 Jahre Einzelhaft und Schweigegebot auf der Leinwand einfach nicht genug hergeben», sagt die Autorin. Und der Filmcharakter Frieda wirke aufmüpfiger, wilder, dunkler als die Frieda in den echten Dokumenten. «Das Ziel war kein Dokumentarfilm, aber er hält sich an die dokumentierten Fakten. Schon beim Schreiben habe ich sie für den Roman interpretiert, und dieses Recht steht auch der Verfilmung und allen künstlerischen Überarbeitungen zu.»

Aus langjähriger Erfahrung in der Filmbranche wisse sie, dass die Teams noch während der Dreharbeiten Änderungen beschliessen würden. Schon beim Casting und auch bei den Dreharbeiten sei sie nur ausnahmsweise dabeigewesen, «weil es nicht mehr meine Aufgabe war». Auch der Film erzähle nun Frieda Kellers Geschichte packend und den überlieferten Fakten entsprechend – «und darauf kommt es an».

Im Buchhandel ist die zweite Auflage von 2024 als Taschenbuch oder e-Book erhältlich: «Die Verlorene – Friedas Fall» von Michèle Minelli, ISBN 978-3-7466-4170-6.
Zwei Schreibprofis


Das Wohnhaus von Michèle Minelli und Peter Höner beherbergt auch ihre Firma «Schreibwerk Ost». Beide haben zahlreiche Bücher vom Krimi übers Drama bis zum Sach- und Drehbuch veröffentlicht und geben ihr Können in Iselisberg als Schreibcoaches weiter. (sm)

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