Der erste Halt war der Kaiserbuck westlich von Hettlingen. Über dem Tunnelportal entsteht eine angebaute Abschrägung. Dieser «Spoiler» ist hier noch von Gerüsten verdeckt, bei anderen Tunneln entlang der Strecke aber bereits sichtbar. Er soll verhindern, dass gefährliche Luftwirbel entstehen, wenn grosse Lastwagen hindurchfahren.
Eine solche Gelegenheit erhält man selten. Statt mit dem Auto nur entlang der längsten Baustelle der Region zu fahren, wie dies die grosse Mehrheit tut, waren am Montagabend rund 20 Personen auf Fahrrädern auf der Neubaustrecke unterwegs. Es waren Mitglieder und Sympathisanten der SP Weinland. Die Partei hatte eine Besichtigung des A4-Ausbaus mit Claudio Spagnolo organisiert. Der Weinländer ist Projektleiter beim Bundesamt für Strassen (Astra).
Besammlung war am Bahnhof Hettlingen. Trotz auch um 18 Uhr noch drückender Hitze verteilte er zusätzliche Kleidung: orange Leuchtwesten. «Auf der Baustelle sind diese Pflicht», betonte er. Anschliessend wurden die eigenen Drahtesel gesattelt, und die erste Etappe der Tour nach Andelfingen wurde in Angriff genommen. Bis zum ersten Halt dauerte es nicht lange. Ziel war der Tunnel Kaiserbuck westlich von Hettlingen
Eine Art Spoiler für die Tunnelportale
«Wir stehen unter der grössten von vier Überdeckungen dieses A4-Abschnitts», erklärte der Fachmann. Sie misst mehr als 100 Meter und ist auf beiden Seiten für je drei Spuren ausgelegt, um genügend Ausweichfläche bei Sanierungen zu haben. Eine Besonderheit ist die Decke. Während sie am südlichen Ende, wo eine Strasse darüberführt, flach ist, weist sie am nördlichen Ende eine Wölbung auf. «Über uns befindet sich Agrarland», so Claudio Spagnolo. Die Decke müsse hier rund vier Meter Auflast tragen, damit Ackerbau möglich sei.
Eine Anpassung erhalten die Tunnelportale. Über der Öffnung entsteht eine angebaute Abschrägung, eine Art Spoiler. «Es wurde festgestellt, dass bei geraden Enden starke Luftwirbel entstehen, wenn grosse Lastwagen hindurchfahren.» Die Wirbel könnten Eisschichten vom Fahrzeug schleudern, was den nachkommenden Verkehr gefährde. Der Spoiler, der bei den neuen Portalen teilweise bereits sichtbar ist, soll dies verhindern.
Koordination mit der SBB
Nach einer kurzen Velofahrt innerhalb der Baustelle hielt der Tross bei der Brücke über die Bahngleise zwischen Hettlingen und Henggart. Sie ist eine von vier sogenannten Kreuzbauten mit dem Schienenverkehr entlang des Bauabschnitts. Die Arbeit mit der SBB erfordere viel Vorplanung, erklärte der Projektleiter. Zwar handle es sich lediglich um die Bahnstrecke Winterthur–Schaffhausen, doch sei es eben gleichzeitig die Ausweichstrecke für die Verbindung Zürich–Schaffhausen via Rafz.
«Anders als Autos sind Züge auf fixe Gleise angewiesen und können bei Bauarbeiten nicht einfach ein bisschen links oder rechts daran vorbeifahren.» Deshalb müssten die Arbeiten an diesen Kreuzungspunkten drei Jahre im Voraus koordiniert werden. Dazu würden bestimmte Zeitfenster reserviert. Dasselbe sei auch bei der Weinlandbrücke geschehen, die ebenfalls die Schienen kreuzt. Weil sich der Brückenbau über die Thur aber verzögere, habe man die vorhandenen Slots dafür genutzt, bereits Stahlgerüste zu erstellen.
Übergang Oberwingerten ist zu tief
Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung, stoppte unterwegs aber mehrfach. Claudio Spagnolo zeigte dabei auf, wie die Strasse aufgebaut ist und weshalb die Erdwälle nicht überall gleich hoch sind. Letzteres habe mit der unterschiedlichen Vegetation zu tun, die in den einzelnen Bereichen vorgesehen sei. Und er lieferte allgemeine Informationen zum A4-Ausbau. «Dieses Projekt ist älter als ich», sagte er (siehe Kasten ganz unten).
Kurz vor Andelfingen sind Arbeiten an der kleinen Brücke Oberwingerten im Gange. Theoretisch hätte es darunter Platz für dreimal zwei Spuren, trotzdem muss sie ersetzt werden. Denn: Sie ist gebogen. Zusätzlich macht die A4 an dieser Stelle eine Linkskurve. Damit Autos, die mit 100 Stundenkilometer unterwegs sind, nicht von der Strecke fliegen, weist die Schnellstrasse dort ausserdem eine seitliche Neigung von sieben Prozent auf. Das wiederum hat zur Folge, dass die bisherige Brücke am äusseren Rand zu niedrig ist.
Ein Abriss und Neubau sei günstiger als die Absenkung des Trassees. Und die Brücke sei ohnehin fast drei Jahrzehnte alt und hätte saniert werden müssen. Das neue Bauwerk entsteht derzeit direkt neben dem alten. Erst wenn es vollendet ist, wird das bisherige «in einigen Nacht-und-Nebel-Aktionen» entfernt.
Neue Brücke in Aussicht
Es folgte ein Abstecher ins Gebiet Haslen bei Dätwil. Dort, wo jahrelang das Motocross Weinland stattgefunden hatte, wird der Landwirtschaftsboden mit Aushubmaterial aus dem A4-Bau verbessert. Insgesamt existieren sieben solche Aufwertungsflächen.
Die Tour endete in Andelfingen beim Besucherzentrum unter der Weinlandbrücke. Apropos: Nachdem eine erste Ausschreibung aus Kostengründen zurückgezogen werden musste, sind Fortschritte erkennbar. Einerseits nutze das Astra die Zeit, um die bestehenden Brücken von unten zu sanieren, sagte Claudio Spagnolo. Andererseits seien auf eine zweite Ausschreibung für den neuen dritten Übergang Angebote eingegangen, die nun ausgewertet würden. Im besten Fall könne noch dieses Jahr mit dem Bau begonnen werden.
Der Anfang des Projekts A4 liegt weit zurück. Schon 1973 sei es erstmals genehmigt worden, inklusive der Linienführung und durchgehend vier Spuren mit Pannenstreifen, erklärte Astra-Projektleiter Claudio Spagnolo. Allerdings habe es Widerstand aus Hettlingen und Henggart gegeben, weshalb zwischen Andelfingen und Winterthur nur zwei Spuren realisiert worden seien. «Das führte zu häufigen Staus und vielen teils schweren Unfällen.»
Erst 2012 sei das Projekt wieder aufgenommen worden. Erneut habe es zwar Einsprachen und Diskussionen gegeben, doch seit 2024 sei das Baugesuch rechtskräftig. Anfang Juni 2025 wurde mit dem Bau begonnen. «Alles, was Sie sehen, ist also etwas mehr als ein Jahr alt», sagte er während der Velotour durch die Baustelle am Montagabend.
Rund 150 Arbeiter, 20 Bauführer und 10 Bauleiter seien entlang der A4 tätig. Mit allen, die zusätzlich im Hintergrund mitwirkten, seien es mehr als 200 Personen. 80 Baumaschinen stünden im Einsatz. Hinzu kämen unzählige Lastwagen, die Material an- und abtransportierten.
Die zwei neuen Spuren sollen im Sommer 2027 für den Verkehr freigegeben werden – anstelle der beiden alten, die dann eine Sanierung erhalten. Die Volleröffnung ist für 2029 vorgesehen. (msa)
Mit dem Velo auf der A4 unterwegs