Der Handel mit Herzchen und Rosen boomt in diesen Tagen. Schnell werden Blumen oder andere extra hergestellte Artikel gekauft und der Mama am zweiten Sonntag im Mai mit einem Lächeln überreicht. Auch Kinder werden in Spielgruppen, im Kindergarten und in der Schule animiert, etwas für sie zu basteln. Doch werden diese kleinen Gesten der Leistung der Mutter gerecht, die das ganze Jahr für ihre Kinder da ist? War das der Gedanke der Frau, die diesen Tag einst ins Leben rief?
Wohl nicht ganz, wenn dem Wikipedia-Eintrag über den Muttertag Glauben geschenkt werden kann. Selbst die Begründerin des modernen Muttertags, Anna Maria Jarvis, kritisierte diesen Umstand. Gefeiert wird er in vielen Ländern trotzdem seit rund 100 Jahren in dieser Kommerzform. Während sich die Gründerin zunächst hauptberuflich für die Einführung dieses Tages einsetzte, bereute sie es später und kämpfte erfolglos für die Abschaffung.
Bei einem Blick in die Geschichte wird klar, dass der Wunsch nach Anerkennung der Leistung der Mütter sehr alt ist. Im Altertum gab es Feiertage zu Ehren von Muttergottheiten: im antiken Griechenland für die Göttin Rhea, die Mutter von Zeus, bei den Römern für die «Grosse Mutter» Kybele. In England gab es im 13. Jahrhundert unter König Henry III. den «Mothering Day» zu Ehren der «Mutter Kirche». Auch Napoleon Bonaparte wollte einen Tag den Müttern widmen. Doch als er 1815 gestürzt wurde, geriet sein Vorhaben in Vergessenheit.
Aus den USA nach Europa
Die Vorläufer des aktuell gefeierten Muttertags beruhen auf den Zusammenkünften von Müttern während des amerikanischen Bürgerkriegs in den 1860er-Jahren. Anna Maria Jarvis’ Mutter, Ann Maria Reeves Jarvis, gründete die «Mother Friendship Days», an denen sich Mütter zu aktuellen Fragen austauschten und sich um verwundete Soldaten kümmerten. 1907, zwei Jahre nach ihrem Tod veranstaltete die Tochter Anna Maria Jarvis eine Gedenkfeier zu ihren Ehren und verteilte nach dem Kirchgang 500 weisse Nelken in Grafton, West Virginia. Die Idee gefiel, auch weil sich die Frau für die Verbreitung einsetzte: 1914 erklärte der US-Präsident Thomas Woodrow Wilson den zweiten Sonntag im Mai zum Muttertag.
Diesen Brauch brachten die amerikanischen Soldaten während des Ersten Weltkriegs nach Europa, wo er sich schnell weiterverbreitete. In der Schweiz setzten sich die Heilsarmee und die Unions Chrétiennes de Jeunes Gens de la Suisse ab 1914 dafür ein. Zunächst aber mit geringem Erfolg.
In den 1920er-Jahren erhielt die Bewegung Aufschwung, als sich die schweizerischen Verbände aus Floristik, Gartenbau und Konditorhandwerk engagierten. Sie machten in Komitees mit, die den Muttertag propagierten, blieben aber im Hintergrund. Personen des öffentlichen Lebens wurden für Werbung genutzt: Über Presse, Flugblätter, Radio und Schaufenster der beteiligten Berufsleute gelang so 1930 der Durchbruch.
Umsatzstärker als der Valentinstag
Seitdem freuen sich einige Geschäftszweige über die Beliebtheit, denn diese bedeutet einen grossen Absatz ihrer Waren. Der Muttertag ist laut Wikipedia für den Blumenhandel der umsatzstärkste Tag im Jahr – noch vor dem Valentinstag. In Deutschland sollen es im Schnitt pro Bürger rund 25 Euro sein – insgesamt rund 130 Millionen Euro Umsatz allein für Schnittblumen. Für die Schweiz liegen dazu keine Zahlen vor. Ein Trend, der nicht nur von der Begründerin Anna Maria Jarvis scharf kritisiert wurde. Denn seien wir mal ehrlich: Was wünschen sich Mütter wirklich? Anerkennung, Unterstützung und Entlastung. Und das nicht nur einmal im Jahr, sondern das ganze Jahr über.
Muttertag: Anerkennung oder Konsumzwang?