Hanna Arbenz kam gar nicht mehr aus dem Strahlen heraus, so umringt von vielen Gästen aus der Familie und von Handwerkern, die den Sommer über an ihrer Haldenmühle gearbeitet hatten. «Es war eine wunderbare Zeit, danke, dass ich euch so viele Fragen stellen durfte», sagte sie. Mehr als drei Monate lang öffnete sie das Gebäude morgens für die Handwerker, beim Rundgang abends schloss sie alles ab. «Allein fühlte ich mich dabei nie, Caspar war immer dabei. Er hätte eine Riesenfreude an den Arbeiten an seiner Mühle gehabt», sagte sie in Erinnerung an ihren 2025 verstorbenen Mann.
Freude und Stolz seien auch angebracht – die Sorgfalt und Hingabe jedes einzelnen Handwerkers hätten sie tief beeindruckt: «Es ist unglaublich, wie ihr das Neue und das Alte zusammengeführt habt. So einfach, wie es nun aussieht, war das nicht! Ihr habt alle krummen Ecken des alten Dachstocks und jede Fuge in den Backsteinmauern respektiert», bedankte sie sich.
Wenn das Dach rinnt, pressierts
Handlungsbedarf am riesigen Dach bestand schon länger. Irgendwann reicht es nicht mehr, nach jedem Gewitter im Estrich die Kübel zu leeren. Ist das Dach erst undicht, nimmt das ganze Gebäude auch Schaden. Über der Haldenmühle gab es mehr als nur ein Leck. Grosse Teile des komplizierten Dachstuhls mussten ersetzt werden.
Der Andelfinger Holzbauer Christian Ganz ist spezialisiert auf denkmalgeschützte Objekte. Er liess aus dem Thurgau zwölf Kubikmeter gerade und trockene Balken liefern, «Vollholz, nicht verleimt, obwohl das billiger wäre», wie er erklärte. Hanna Arbenz habe die Hände verworfen, weil ihr die Holzbeige viel zu gross schien, aber am Ende war es doch zu wenig. «Man entdeckt meistens mehr faule Stellen als von aussen vermutet», so die Erfahrung des Holzbauers.
Mörtel, Fensterkitt und Ölfarbe
Die Gerüste dienten auch dem Team von Malermeister Andreas Stegemann. Diese Fachleute reinigten und konservierten die gelben Backsteinwände und restaurierten die 32 morschen Fenster. Bei der Sanierung denkmalgeschützter Objekte werden die verwendbaren Materialien genau definiert, vom Mörtel über den Fensterkitt, vom Gips bis zur Lauge, von der Ölfarbe bis zum Blattgold auf den Lanzen des Blitzableiters.
Hanna Arbenz guckte täglich vorbei und liess sich alles zeigen und erklären. «Die Zeit war wunderbar, so interessant und lehrreich.» Das Kupferblech gefiel ihr besonders. Es habe anfangs so geglänzt, dass sie aus Angst vor Diebstahl ihre Kontrollgänge verdoppelt habe. Inzwischen hat die Spenglerei Pohl das Kupferblech sicher verschweisst.
Und gleich daneben leuchtet ein Metall, das im Gegensatz zu Kupfer nicht korrodieren wird: Echtes Blattgold auf dem Tonziegel, den Nachbar Ueli Landolt über die Thur zum Handwerkerfest gebracht hat. Bei der Renovation seiner reich bemalten «Friedau» am Kleinandelfinger Ufer hatte auch er mit der Denkmalpflege zusammengearbeitet. Als Dank für die sorgfältige Bewahrung der Haldenmühle knüpfte er an die damalige Tradition an und liess einen Ziegel vergolden (siehe unten).
Hanna Arbenz freute sich enorm über Ueli Landolts Geschenk. Schon wenige Minuten später ging sie mit einigen ihrer Gäste hinters Haus. Vom sicheren Boden aus lotste sie einen Handwerker aufs Dach und an ihre Wunschstelle: Das Gold soll von der Schlossterrasse aus zu sehen sein.
Auf etwa zehn Dächern im Weinland glitzern goldene Ziegel. Ganz genau weiss es auch jener Mann nicht mehr, der sie einst den Bauherrinnen und -herren geschenkt hat: Renzo Casetti, Architekt, und von 1993 bis 2006 Bauberater bei der kantonalen Denkmalpflege. «Wenn wir ein Projekt aus architektonischer und denkmalpflegerischer Sicht hervorragend umsetzen konnten, bedankte ich mich manchmal mit einem vergoldeten Dachziegel», erinnert er sich. Die Idee habe er von irgendwo übernommen – und nicht nur, weil sie witzig war: «Ein dichtes Dach ist das Wichtigste für den Erhalt eines Gebäudes. Wer einen goldenen Ziegel darauf hat, guckt vielleicht öfter hoch und entdeckt Schäden frühzeitig.»
Dieser Anruf der AZ komme unerwartet, doch er habe ohnehin keine Liste geführt, sagt Renzo Casetti. «Leider. Es würde mich selbst interessieren, wo heute noch Goldziegel zu sehen sind.» Spontan kämen ihm ein Haus in Uhwiesen und eins in Unterstammheim in den Sinn. Und sein eigenes in Zürich: «Das Gold darauf ist faszinierend. Je nach Wetter und Licht sieht man es gar nicht, und kurz darauf strahlt es», sagt er. Falls sich also Goldziegelliegenschaftenbesitzer bei der AZ melden würden, würde er das gerne erfahren und seine Erinnerung auffrischen. (sm)
Nur einer der Ziegel ist golden