Suppenwetter am Suppentag

Region - Mit einem Suppentag am Samstag wurden die Tafeln an den sechs Herbergen im Weinland eingeweiht, die einst arme Durchreisende verköstigten. Das Datum 17. Oktober war bewusst gewählt worden.

Roland Spalinger, Stefanie Tumler, Roland Müller Publiziert: 20. Oktober 2026
Lesezeit: 2 min

Die moderne, staatlich geregelte Sozialhilfe ist noch nicht sehr alt. Sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Weinland machte sie eine Hilfeleistung überflüssig, die 1885 eingerichtet worden war: den «Bezirksverband Andelfingen für die Naturalverpflegung armer Durchreisender».

Die Gemeinden im Weinland untersagten zu dieser Zeit nicht einfach den Haus- und Strassenbettel, sondern boten als Alternative in sechs Herbergen eine Mahlzeit und Übernachtung an. An diese erste Form der Bedürftigenhilfe erinnern nun die Tafeln. Um 11.30 Uhr am Samstag wurden sie enthüllt, gleichzeitig in allen sechs Orten.

«Man wollte die Leute nicht mehr auf der Strasse haben», sagte zum Beispiel Matthias Stutz, Kantonsrat SVP und Gemeindepräsident von Mar­tha­len, beim «Rössli». «Heute haben wir andere Instrumente, diese kosten aber auch mehr», meinte er. In Kleinandelfingen beim «Hirschen» umriss Gemeindepräsident David Stäheli den geschichtlichen Hintergrund. Bei der Enthüllung der Tafel unterstützte ihn der Andelfinger Gemeinderat Luca Ehrismann.

In Trüllikon enthüllte Gemeindepräsidentin Claudia Gürtler die Tafel. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft von damals seien auch heute noch wichtig für die Gesellschaft, betonte sie.

Am ehemaligen Gasthof Krone in Unterstammheim zeigte Gemeindepräsident Martin Farner-Schmid in seiner Rede vor der Enthüllung der Plakette auf, dass dazumal im 19. Jahrhundert die Armut in der Bevölkerung im Tal durchaus auch vorhanden war. Gemäss ihm wurden bis zu 2000 Mahlzeiten pro Jahr abgegeben. Nach dem Ersten Weltkrieg sank der Bedarf aber stark und versiegte nach dem Zweiten Weltkrieg ganz.

An allen sechs Orten herrschte gute Stimmung. Jeweils zwischen 60 und 100 Personen kamen zusammen. Die Organisatoren hatten mit maximal 150 Gästen pro Standort gerechnet und zeigten sich mit der Beteiligung zufrieden.

Mit dem Suppen- oder Häusertag löst der Gemeindepräsidentenverband des Bezirks Andelfingen (GPVA) den Fonds für arme Durchreisende auf, den er Dutzende Jahre in seiner Buchhaltung mitgeführt hatte. Als Termin hatte der Vorstand mit Präsident Sergio Rämi (Truttikon) den internationalen Tag zur Beseitigung der Armut gewählt. Das passte ebenso wie das Wetter – bedeckt, aber mehrheitlich trocken. Suppenwetter halt.

Welttag zur Überwindung der Armut


Region: Der Tag der Enthüllung der Erinnerungstafeln und der Suppenverteilung im Zuge von «Bettel verboten» ist nicht zufällig gewählt.

Der 17. Oktober ist seit dem Jahr 1992 von den Vereinten Nationen offiziell als «Internationaler Tag für die Beseitigung der Armut» anerkannt. In der ganzen Welt finden dazu Aktionen statt, um sich mit Menschen am Rand der Gesellschaft zu solidarisieren und ihnen eine Stimme zu geben, da sie sonst wenig oder gar nicht gehört werden.

Die Wurzeln des Tages gehen zurück auf den 17. Oktober 1987, als 100'000 Verteidigerinnen der Menschenrechte aus aller Welt und allen Bevölkerungsschichten dem Aufruf des Priesters Joseph Wresinski folgten und sich auf dem Trocaderoplatz in Paris versammelten. Sie ehrten die Opfer von Hunger, Unwissenheit und Gewalt und bekräftigten ihr «Nein» zum Elend. Sie riefen dazu auf, sich für die Achtung der Menschenrechte einzusetzen. An diesem Tag wurde eine Steinplatte in den Vorplatz des Gebäudes eingelassen, in dem 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet worden war.

Europarat gegen Armut
In Europa setzt sich unter anderem der Europarat für die Beseitigung der Armut ein. Dies soll durch die Stärkung des Zusammenhalts sowie die Verhütung und Bekämpfung sozialer Ausgrenzung geschehen. Als Rechtsmittel hat er die Konvention der Menschenrechte und die Europäische Sozialcharta, die die sozialen Rechte schützt. Seit dem 17. Oktober 1993 führt der Europarat jedes Jahr eine Zeremonie vor einer Nachbildung der Tafel vor dem Europaratsgebäude in Strassburg durch. (cs)



Bild unten (cs): Der Ulmer Künstler Alfred Bradler spannte 2001 mit der Stuttgarter Strassenzeitung «Trott-war» zusammen. Er entwarf die acht mal acht Meter grosse Installation «Platte machen», die in mehreren Städten zu sehen war. Dazu gab es eine Druckgrafik zu kaufen, deren Verkaufserlös an das Strassenzeitungsprojekt ging, das Menschen am Rand der Gesellschaft eine Verdienstmöglichkeit und damit eine Zukunft gibt.

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