Welse sind fest eingebürgert

Rheinau - Vor 25 Jahren waren Welsfänge zwischen Rheinfall und Eglisau selten. Heute haben die Sportfischer längst Forfait gegeben. Die von den Seen in die Flüsse eingewanderte Riesenfischart gedeiht im zunehmend warmen Rhein. Der Bestand wird kaum mehr reguliert werden können.

Silvia Müller (sm) Publiziert: 17. Juli 2026
Lesezeit: 5 min

Joel Fossat kann es kaum glauben: Gleich drei Welse fing der Jungfischer  bei seinem ersten Versuch überhaupt. Letzte Woche durfte der Lehrling seinen Chef zum Fischen begleiten. Matthias Spalinger wohnt in Marthalen und nutzt seine Jahreskarte im Fischereirevier zwischen Rheinauer Stollenauslauf und Pontonierhaus Ellikon nachts, weil dann die nachtaktiven Welse anbeis­sen.

Die Nacht am Ufer zu verbringen, mache ihm Spass, sagt Matthias Spalinger. «Ein- bis zweimal pro Saison gelingt es mir, über zwei Meter lange Welse ans Ufer zu ziehen, immer nach langem Kampf.» Anbeissen tun solche Riesen weit öfter, aber das Rausbringen gelingt nicht immer. Rund 70 Kilo wiegen Welse dieser Länge, und sein Rekordkampf lief 3 Stunden 20 Minuten.

«Für Fische dieser Grösse und Kraft gibt es keine Feumer. Man holt sie an der Schnur so nah heran, dass die Hand den Kiefer greifen kann. So zieht man das Tier an Land.» Vorzugsweise geschützt durch gute Handschuhe: Welse hätten zwar keine richtigen Zähne, aber ihre Kiefer seien wie raues Schleifpapier, um die Beute fassen und ganz schlucken zu können.

Die 700 Kilo im Revier sind «nichts»

Im genannten Fischereirevier gebe es nur drei solche Fischer mit Freude an der Welsjagd, also «viel zu wenige». Das sagt Waldemar von Känel, einer der fünf Pächter, die den Flussabschnitt mit 50 Jahreskarteninhabern und 17 Jungfischern teilen. Wie viele Welse hier leben, wisse niemand, aber «die 700 Kilo, die wir 2025 gefischt haben, sind mit Sicherheit nichts im Vergleich zum wahren Bestand.»

Das lässt auch die kantonale Fischfangstatistik vermuten: 2024 wurden im (Zürcher) Rhein, in Limmat, Thur, Töss, Glatt und Sihl 2,4 Tonnen Wels geangelt. Der Wels macht in diesen Gewässern bereits 32 Prozent des Fisch­ertrags aus. Er übertrifft damit Arten wie Forellen oder Alet, deren Bestände gleichzeitig rückläufig sind.

In Rheinau sei die Regulierung des Welsbestands «beidseitig ein Problem der Überalterung», sagt Waldemar von Känel und lacht. Erstens seien die meisten Fischer längst im Alter, in dem man die Nächte am liebsten im Bett verbringe. Und zweitens seien die Welse inzwischen so zahlreich und so gross, dass ihre Vermehrung durch Sport­fischerei nicht mehr zu stoppen sei. «Dazu bräuchte es mehrjährige Kampagnen mit Netzen, Elektrofanggeräten oder gar Dynamit», sagt er. «Wir sind viel zu spät dran. Die Natur wird das regeln müssen.»

Denkbar sei, dass die Population eine Krankheit bekomme, wenn sie zu gross werde. Oder es werde vielleicht so kommen wie mit der Kormoran­population vor einigen Jahren: Diese Vögel seien erst verschwunden, als sie kein Futter mehr gefunden hätten, weil der Fischbestand so abgenommen hatte. «Heute haben die verbliebenen Fische weniger Fressfeinde in der Luft und dafür mehr im Wasser: eine neue Fischart mit weit besseren Karten.»

Fruchtbar und anpassungsfähig

Welse werden 60 bis 80 Jahre alt. Sie jagen hauptsächlich andere Fische, schnappen sich aber auch Krebse oder Vögel. Spätestens mit einem Meter Länge, bei uns nach rund fünf Jahren, hat die Fischart im Rhein keine Feinde mehr. Dafür ist sie längst geschlechtsreif, und sie produziert zehnmal mehr Eier als Forellen. «Im Körper gros­ser Welsweibchen finden wir rund 100'000 Eier. Etwa vier Prozent der jährlichen Fischbrut erreichen die Geschlechtsreife. Die Welse legen aber dermassen viel Laich, dass sie sich gegenüber anderen Fischarten schnell durchsetzen», sagt Waldemar von Känel.

Vor fast 20 Jahren hat er hier einen 1,5 Meter langen Wels gefangen – es sei der erste gewesen und eine Sensation. Denn Welse sind eigentlich Seefische. Im Bodensee und einigen Juraseen gab es sie schon immer, in anderen Seen haben sie Sportfischer in den 1970er-Jahren ausgesetzt. In die Flüsse abgestiegen sind Welse erst vor rund 25 Jahren.

«Heute gucken wir vom Boot in den Rhein und sehen an den Flachstellen unter dem Seegras gleich mehrere Welse zusammen den Tag überdauern», sagt er. Wassertemperaturen über 20 Grad und niedrige Wasserstände dezimieren die sogenannten Edelfischarten wie Forelle und Äsche. Egli, Zander und Hecht ertragen etwas mehr. Welse hingegen laufen in warmem Wasser mit wenig Sauerstoff erst zu Hochform auf und vermehren sich umso besser. Die Klimaentwicklung begünstigt sie. Dazu kommt: Wie fast alle Fischarten fressen Welse Fischlaich und Jung­fische, und das effizient. Sie müssen ihre riesigen Körper ernähren und werden sehr alt. Einzig der Mensch könnte ihr Feind sein, etwa als Feinschmecker.

Leider nur bedingt eine Delikatesse

Doch auch in dieser Hinsicht sind die Fischer nicht scharf auf nächtliche Welskämpfe. Das Fleisch gilt als «Geschmackssache». Junge Welse unter einem Meter Länge seien schmackhaft, grätenfrei, mit gutem Biss und geschmacklich an Kalbfleisch erinnernd, ist im Internet zu lesen.

Die alten Prachtswelse – bei uns werden sie bis 2,5 Meter lang – geben zwar die besten Fotos und Legenden her, machen danach aber laut Waldemar von Känel «mehr Arbeit als Freude»: «Die Zubereitung ist kompliziert. 80 Prozent des Gewichts ist Fett, das weggeschnitten werden muss. Übrig bleibt ein rötliches Fleisch, das bei alten Tieren tranig schmeckt. Kulinarisch sind nur die jungen interessant.»

Hoffentlich hat Fischerlehrling Joel Fossat seinen Fang gerne gegessen und kommt nun öfters zum Nachteinsatz am Rhein.