Vom Krieg ins Weinland

Dachsen - Seit Ende 2024 leben Robert Tsoklan und Yuliia Horodchanyn im Zürcher Weinland. Im Jubiläumsjahr von Dachsen bringen sich die beiden aktiv ein – und gestalten den digitalen Auftritt der Gemeinde mit.

Stefanie Tumler (st) Publiziert: 27. Februar 2026
Lesezeit: 4 min

Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 veränderte sich das Leben von Robert Tsoklan (28) und Yuliia Horodchanyn (21) schlagartig. Was zuvor selbstverständlich gewesen war, wurde unsicher: Arbeit, Studium, Zukunftspläne. «Am Anfang denkt man noch, es dauert ein paar Tage», sagt er. «Dann merkt man, dass alles anders wird.»

Er hatte im medizinischen Bereich gearbeitet, eine Klinik mitaufgebaut, Investoren gewonnen und Verantwortung getragen. «Wir hatten uns etwas erarbeitet», sagt er. Doch mit der Mobilisierung und zunehmenden Kontrollen wurde der Alltag immer stärker eingeschränkt. Männer im wehrfähigen Alter mussten jederzeit damit rechnen, eingezogen zu werden. Vier Monate lang konnte er das Haus nicht verlassen. «Du planst nichts mehr», sagt er. «Du wartest nur – und hoffst, dass sich etwas klärt.»

Auch für Yuliia veränderte sich mit dem Krieg vieles. Sie studierte an der Universität und wollte ursprünglich Übersetzerin werden. Mit der wachsenden Unsicherheit merkte sie jedoch, dass sie neue Wege suchen musste. Um eine Weiterbildung in der Designbranche zu finanzieren, arbeitete sie als Barista in einem Café.

Dort lernte sie Robert kennen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sein eigenes Projekt in der Sparte Social Marketing aufgebaut. Aus Gesprächen entwickelte sich Zusammenarbeit – und später eine Partnerschaft. Yuliia begann, gestalterische Aufgaben zu übernehmen, entwickelte sich Schritt für Schritt weiter und fand in der kreativen Arbeit eine neue Perspektive.

Die Entscheidung zum Aufbruch

Je länger der Krieg dauerte, desto deutlicher wurde, dass Perspektiven wegbrachen. Projekte standen still, Investitionen waren blockiert, Zukunftspläne verschoben sich ins Ungewisse. «Wir wussten nicht mehr, worauf wir noch bauen können», sagt er. Als sich die Lage weiter zuspitzte, trafen sie die Entscheidung zum Aufbruch gemeinsam. Ein Teil von seiner Familie lebte bereits in der Schweiz und berichtete positiv vom Leben dort. «Für uns war es wichtig, zusammenzubleiben», sagt er.

Ankommen in neuer Umgebung

In der Schweiz war zunächst vieles ungewohnt: die Sprache, die Abläufe, die formellen Schritte. Gleichzeitig erlebten sie Unterstützung. Behörden, Nachbarn und freiwillig Engagierte halfen beim Ankommen.

In Dachsen fühlten sich beide rasch wohl. Die Landschaft erinnere sie an ihre Herkunftsregion. «Es fühlt sich vertraut an», sagt Robert. Zugleich erleben sie hier Strukturen und Verlässlichkeit – sei es im Engagement von Vereinen oder im sorgfältigen Umgang mit der Natur.

Besonders beeindruckt hat sie, wie gemeinschaftlich Projekte organisiert werden. «In der Schweiz entscheidet nicht einfach eine Person allein», sagt er. «Viele reden mit.»

Doch ganz verschwindet die Vergangenheit nicht. «Wenn ein E-Scooter vorbeifährt, denkt man im ersten Moment an eine Drohne», sagt er. Erst mit der Zeit löse sich dieser Reflex wieder. Der Unterschied sei jedoch spürbar: «Hier sind solche Geräusche einfach Alltag.» Auch religiöse Vielfalt empfinden sie als selbstverständlich. Als Mitglied einer protestantischen Familie hatte Robert in der Ukraine Diskriminierung erlebt. Im Weinland hingegen fühlen sich er wie auch Yuliia akzeptiert.

Engagement im Jubiläumsjahr

«Wir haben uns gefragt: Was können wir zurückgeben?», sagen sie. Im Gemeindeblatt stiessen sie schliesslich auf eine Anzeige zum Jubiläumsjahr. Für einen Workshop als Grundlage des Buchs «… mir sind Dachse» wurden Mitwirkende gesucht. «Da haben wir uns gemeldet», erinnern sie sich. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich ihr weiteres Engagement in der Gemeinde Dachsen.

Seither bringen sie ihre Erfahrungen auch digital ein. Sie filmen Veranstaltungen, entwickeln Ideen für Social Media und arbeiten an visuellen Ansätzen. Noch ist vieles im Aufbau. «Kapazitäten sind immer ein Thema», sagt Robert Tsoklan. Neben Ausbildung und Beruf entstehe Schritt für Schritt Neues. Social Media verstehen die beiden dabei als digitale Visitenkarte der Gemeinde. Das Dorfleben sichtbar zu machen – auch für jüngere Generationen oder neu Zugezogene – sei ihnen ein Anliegen.

Neue Wege beruflich und privat

Auch beruflich schlagen beide neue Richtungen ein. Yuliia Horodchanyn sucht eine Lehrstelle als Mediamatikerin und bildet sich weiter. Robert Tsoklan arbeitet bei der AOZ, der Asyl-Organisation ZĂĽrich, und begleitet Menschen im Integrationsprozess. Seine eigenen Erfahrungen seien dabei hilfreich, sagt er.

Was als Neuanfang aus Unsicherheit begann, ist für sie heute eine bewusste Entscheidung. «Wir wollen hier nicht nur leben», sagen sie. «Wir wollen dazugehören – und mitgestalten.»